Keine Erwartungen

By felisworld

Hoffe das Beste, erwarte das Schlimmste. Jeder kennt diesen Spruch und gerade bei aufgezwungenen Parties, langweiligen Meetings und anderen kleinen Katastrophen ist es das Einzige, was einem an Leben hält. „Damit man sich noch über das gar nicht soooo schlimme Ergebnis freuen kann.“ und „Weil es nie sooo schlimm ist, wie man befürchtete.“ Eigentlich ja richtig, aber ist es wirklich gut, nichts mehr zu erwarten, um wirklich nicht enttäuscht zu werden? 

Ist es richtig zu erwarten, dass er oder sie nicht anrufen wird? Ist es richtig zu erwarten, dass der Job oder das neue Projekt echt scheiße wird? Ist es richtig, sich darauf einzustellen, dass der/die Liebste sich bestimmt nicht zu der neuen Frisur, Hose oder Bildgestaltung an der Wand äußern wird? 

Und ist das nicht unheimlich frustrierend? Auf der einen Seite ja nicht, weil man sich darauf eingestellt hat. Aber bleibt nicht immer noch ein kleiner Funke Hoffnung, der dann stirbt und ein kleines bisschen Enttäuschung, die dann wächst? 

„Wer sich auf andere verlässt, wird verlassen.“ Natürlich gibt es Dinge, die man einfach selbst regeln sollte. Man sollte mich nicht an den Herd stellen, wenn man mit einem Essen alle begeistern möchte und man sollte mich auch nicht Wein aussuchen lassen, weil ich nach Etikett wähle und von dem sachlichen Inhalt der Aufschrift nichts verstehe. So was sollte man lieber selbst machen.

Aber es gibt andere Dinge, die man erwarten kann. Ein bisschen Höflichkeit, eine kleine Geste, ein kleines bisschen Feingefühl, einen Ticken Einsicht – je nach Situation kann man einfach ein Stück Menschlichkeit erwarten. Von anderen, aber auch von sich selbst.

Man kann von mir erwarten, dass ich anrufe und nachfrage, wie das Bewerbungsgespräch gelaufen ist, man kann auch von mir erwarten, dass ich, wenn ich Freunde frage, wie es denn so geht, kein „jaja, läuft“ hören möchte, sondern eine ehrliche Antwort. Natürlich frage ich auch jeden Taxifahrer, wies ihm geht, so zum Einstieg für ein lari-fari-Gespräch (meistens), aber bei Freunden möchte ich es wissen.
Weil sie mir wichtig sind. Weil ich ihre Freuden und Sorgen teilen möchte, weil sie Bestandteil meines Lebens sind – seit langem, für lange oder gerade jetzt. Weil sie es genau so sind, die mich fangen, wenn mich alle anderen fallen lassen. Das erwarte ich von Freunden. 

Ich erwarte nicht, dass man mir aus Schottland eine Karte schreibt, dass die Kollegin aus der 7. einfach so für mich eine Tafel Schokolade öffnet, dass eine andere Praktikantin mir in der Küche einen Muffin sichert, und erst an meinem Platz feststellt, dass ich an diesem Tag im Urlaub bin und traurig abziehen muss. Ich erwarte keinen Strauss Flieder von meinem Vermieter. Aber ich freue mich unendlich, dass er ihn mir neulich einfach so in die Küche gestellt hat.

Es sind die kleinen Dinge, die mich so freuen. Die Menschen in meinem Umfeld, die mit diesen kleinen Dingen mein Leben bereichern, mir so viel Freude und Liebe schenken, die über dem zu erwartendem Standard sind.  

Und dann manchmal gibt es Menschen, von denen ich den Standard erwarte, weil ich weiß, dass ich ihnen wichtig bin –zumindest sagen sie es– und dass sie mir wichtig sind. Und meine Herren, wie es schmerzt, wie enttäuschend es ist, wenn genau diese Menschen ein Verhalten an den Tag legen, das so weit davon entfernt ist, das so entsetzlich weit vom Minimum liegt. Vermutlich halten diese Menschen ein einfaches, aber ehrliches „Wie geht es dir?“ für eine leere Floskel, denken, dass alles, was einen bewegt, sicherlich schon erzählt wurde, fragen nicht danach, was in letzter Zeit passierte, denn wenn es interessant wäre, hätte man es sicher von sich aus schon erzählt. Ich glaube, sie sind so, weil sie alles für selbstverständlich nehmen, mich für selbstverständlich nehmen. Selbst wenn ich lieb um eine bescheuerte Postkarte fragen würde, würde ich nur blöde, verständnislose Blicke ernten. Und es kränkt, weil man nach einer kleinen  Aufmerksamkeit oder einem angebrachten Lob nicht fragt. Nicht fragen darf, weil man dann nur das bekommt, wonach man fragt. Nicht das, was von Herzen aus kommt. Und ich bemühe mich für sie und ihr Verhalten Verständnis zu zeigen, obwohl ich von ihnen selbiges nicht entgegengebracht bekomme. Weil sie so sind. Weil man sie trotzdem lieb hat und gerne für sie da ist. Weil man Mensch ist. Und darum erwartet man, nachdem viele kleine Funken Hoffnung gestorben und immer wieder die Enttäuschung ein bisschen gewachsen ist, irgendwann nichts mehr. Trotz Versprechen, trotz Zusage, trotzdem. Weil man weiß, dass es für alles wieder eine so billige und dämliche Ausrede (nicht Entschuldigung) gibt. 

Aber warum gebe ich mich mit Menschen ab, an die ich keine Erwartungen stellen kann? Frage ich mich selbst, stelle fest, wie frustrierend es ist und enttäusche mich selbst. Weil ich darüber hinwegsehen möchte. Denn das kann man doch wenigstens von mir erwarten…

2 Antworten zu „Keine Erwartungen“

  1. Kokkelon sagt:

    100%ige Zustimmung – Du bist nicht das einige Opfer solcher Ignoranz. Vielleicht ein kleiner Trost?

  2. Nachrichten sagt:

    Ein sehr interessanter Artikel. Sollten Sie noch weitere Informationen haben – wurde ich mich freuen

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